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Mord und Totschlag im Bonner Polizeipräsidium
10 Jahre Kultur- und Krimiverein

von Jennifer Juliane Stracke

Regelmäßig kommen Krimifreunde in Bonn auf ihre Kosten: Der Kultur- und Krimiverein der Bonner Polizei lädt zu Lesungen beliebter Autoren dieses Genres ein, und das mit Erfolg, denn die Veranstaltungen sind allesamt gut besucht. Dieses Jahr feiert der Verein sein zehnjähriges Bestehen.

Die Stimmung ist gut. Gespannt und erwartungsfroh sitzen annähernd 200 Frauen und Männer im Vortragssaal des Polizeipräsidiums Bonn, mittendrin Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa. Sie gehört zu den vielen ‚Wiederholungstäterinnen‘ und ist regelmäßig bei den beliebten Veranstaltungen anzutreffen. Man kann es ihr und den Machern des Krimi- und Kulturvereins anmerken, die heutige 54. Lesung ist eine besondere: Es ist die letzte Lesung der Saison 2017/2018 und zugleich die Jubiläumsveranstaltung, denn vor mittlerweile zehn Jahren fand der erste „Krimiabend im Polizeipräsidium“ statt.

Lesungen für Krimifans

Heute liest Nicola Förg. Sie stellt ihren neuesten Roman „Rabenschwarze Beute“ vor. Die Bestsellerautorin hat bereits mehr als ein Dutzend Kriminalromane veröffentlicht, aber ihre Geschichten in einem Polizeipräsidium vorzutragen, ist auch für sie nicht alltäglich. Sie sieht sich hier gewissermaßen einem Fachpublikum gegenüber: „Das ist natürlich ganz toll, und ich hoffe auch, dass es zumindest soweit authentisch ist, dass die jetzt nicht sagen, um Gottes Willen, so arbeitet ja kein normaler Polizist! Normalerweise hab ich tatsächlich immer ein paar Leute, die mir bei reinen Polizeifragen und Zuständigkeiten in der Tat zur Verfügung stehen, das kann man als Laie ja nicht wissen. Aber ich finde schon – und da bin ich ja ein bisschen Journalistin – es muss ja auch stimmen.“

Mit der Größe der Veranstaltung hatte die gebürtige Allgäuerin indes nicht gerechnet. „Ich war schon überrascht, dass hier so viele Menschen da sind. Gut, Lesungen kommen jetzt auf so 40 bis 100 Leute, aber das hier ist jetzt schon so eine richtige gigantische Veranstaltung, mit Orchester und allen Schikanen, also wie gesagt, ich bin beeindruckt!“

Doch zunächst sorgt die Jazz-Rock-Pop-Band der Polizei mit „Der dritte Mann“ von Anton Karas für einen stimmigen musikalischen Auftakt.

Die Jazz-Rock-Pop-Band des Landespolizeiorchesters NRW
Die Jazz-Rock-Pop-Band des Landespolizeiorchesters NRW

Die Musiker des Landespolizeiorchesters Nordrhein-Westfalen (LPO NRW) tragen schon seit dem ersten Krimiabend zum Charme und Erfolg der Lesungen bei und haben hier eine große Fangemeinde gefunden: „Und was natürlich auch immer schön ist, ist die Musik dazwischen. Das gehört dazu, ich bin nicht ganz so ein Jazz-Anhänger, aber was die machen, das gefällt mir gut!“ verrät Frau Mangold, die zu den Stammgästen gehört. Sie ist nahezu immer dabei, außer, wenn sie „Omadienst“ habe.

Regelmäßige Besucher sind auch Frau und Herr Hammel. Sie sind von Anfang an dabei, wie Herr Hammel betont: „Ja, ich komme schon seit zehn Jahren her. Solange dieser Abend hier stattfindet. Und die Atmosphäre gefällt mir, die Vorlesung gefällt mir, die Menschen, die man hier antrifft, und… och, das ganze Spiel hier! Und vor allem die Big Band, die macht tolle Musik. Da bin ich auch von begeistert.“

Dem Leiter der Jazz-Rock-Pop-Band, Hans Steinmeier, sind die Wiederholungstäter durchaus aufgefallen: „Es ist eine besondere Atmosphäre hier in Bonn, und das Schöne ist, dass ja doch einiges hier an Stammpublikum da ist und wir immer viele bekannte Gesichter wiedertreffen. Und das spornt uns natürlich immer an, wieder neues Krimirepertoire aus dem Hut zu zaubern. Also das sind halt Noten, die man so nicht kaufen kann, das heißt, wir arrangieren die dann speziell für den Zweck.“ Den Zuschauern gefällt dies sichtlich.

Nach dem Auftritt der Band betritt die Autorin, begleitet von einem starken Applaus, die Bühne. Das Licht wird gedimmt, sie sitzt im Lichtkegel der Scheinwerfer, die Lesung beginnt. Und ein ganzer Saal hört gespannt zu.

In der Pause strömen die Besucher ins Foyer. Hier können sie sich eine kleine Stärkung holen, denn die kulinarische Versorgung ist ebenfalls fester Bestandteil des Programms. Wechselnde Restaurants bieten leckere Kleinigkeiten und Snacks an.

Auch ein Büchertisch einer örtlichen Buchhandlung ist von Anbeginn dabei.

Mechthild Toyka und Friederike Herschel (re)
Mechthild Toyka und Friederike Herschel (re)

„Ich finde es auch eine Bereicherung, die Autoren hier vor Ort zu erleben, weil man dann nochmal eine ganz andere Beziehung zu Ihnen aufbaut und es ist wirklich oft ein Highlight, sie hier lesen zu hören.“ meint Frau Herschel, Inhaberin der Buchhandlung „Max und Moritz“.

Es wird gegessen, gestöbert und viel erzählt.

Polizeipräsidentin Brohl-Sowa schätzt diese Momente besonders, denn in der lockeren Atmosphäre wird oft genau das möglich, was der Verein erreichen möchte: der Dialog mit den Gästen. Dementsprechend findet man sie gerne mittendrin. „In den Pausen komme ich ja immer wieder mit Bürgern ins Gespräch. Sie sind der Polizei sehr zugewandt, die Bürger, also das muss man wirklich sagen. Sie interessieren sich für die Arbeit der Polizei.“

Schnell wird es nach der Pause aber auch wieder sehr leise im Publikum, alle wollen wissen, wie es weiter geht. Natürlich wird das Ende nicht verraten, aber Lust auf mehr geweckt. Die Zuhörer sind begeistert, die Autorin erhält viel Applaus. Und mit einer letzten Musikeinlage des LPO NRW – samt Zugabe! – geht ein gelungener Krimi-Abend zu Ende.

Ein Kulturverein der Bonner Polizei

Ins Leben gerufen wurde der Kultur- und Krimiverein der Bonner Polizei e.V., wie er offiziell heißt, schon 2008 von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Das Prinzip: offenes Haus – Kontakt zum Bürger. Hierbei spielten jedoch nicht nur funktionale, sondern auch persönliche Interessen eine Rolle. Die Mitglieder des Vereins sind selbst begeisterte Krimileser.

Inszenierter Tatort zum Krimiabend mit Wolfgang Kaes
Inszenierter Tatort zum Krimiabend mit Wolfgang Kaes

Nach der Gründung trat man sogleich in Aktion. Gast der ersten Lesung war Wolfgang Kaes, ehemaliger Polizei- und später Chefreporter in Bonn, der für seine journalistische Arbeit unter anderem mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet wurde. Sein Erfolgsroman „Feuermal“ war der Startschuss für die Lesereihe „Krimiabend im Polizeipräsidium“ – mit auf Anhieb 160 Zuhörenden! Und das war erst der Anfang.

„Wir versuchen, eine gesunde Mischung anzubieten, das heißt, wir haben Krimipreisträger, wir haben aber auch Newcomer bei uns, wir haben Kolleginnen und Kollegen, die ganz viel lesen und Autoren vorschlagen, wir sind auf Veranstaltungen wie der LitCologne unterwegs und wir haben glücklicherweise eine Unzahl von Bewerbungen von den Autoren selbst und auch von den Verlagen…wenn wir die abarbeiten wollten, dann wären wir 2025 noch nicht fertig“, verrät der Vereinsvorsitzende Jörg Pfefferkorn.

Jede Lesereihe beinhaltet fünf bis sechs Termine, immer von Oktober bis Mai. Neben deutschen Krimipreisträgern wie etwa Bernhard Jaumann, Friedrich Ani und Norbert Horst stellen auch Newcomer und lokale Autoren ihre Werke vor. Und natürlich Schriftsteller aus den Reihen der Polizei. Zu Gast waren beispielsweise die KrimiCops aus Düsseldorf (2010) sowie Bernhard Hatterscheid (2014) und Andreas Schnurbusch (2015) aus Köln.

Besonders erfolgreiche Krimiautoren und –autorinnen wurden von der Polizeipräsidentin und auch schon von ihrem Vorgänger zu Ehrenkommissaren und –kommissarinnen ernannt, darunter Ulrich Wickert, Dominique Manotti, Ingrid Noll sowie das Kluftinger-Duo Michael Kobr und Volker Klüpfel.

Michael Kobr und Volker Klüpfel
Michael Kobr und Volker Klüpfel

Das Ambiente des Polizeipräsidiums ist zudem für Autoren wie Besucher etwas Besonderes. Die Lesungen entwickelten sich schnell zu einer festen Institution mit wachsender Anhängerschaft. Und es hat sich herumgesprochen, dass es keine kleinen Veranstaltungen sind.

Unter den vielen Gästen sind auch Polizeibeamte. Für diese ist das Setting naturgemäß nichts Ungewöhnliches, aber sie schätzen die Veranstaltungen dennoch sehr. Und sich auch in der Freizeit mit Kriminalermittlungen zu beschäftigen, findet etwa Joachim Grünkemeyer, Erster Kriminalhauptkommissar a.D., gar nicht so ungewöhnlich: „Es ist eine Abwechslung. Es ist in der Regel nicht so wie die Wirklichkeit, und von daher immer ganz interessant, manchmal auch sehr lustig.“

Kriminalhauptkommissar Thomas Risch kommt ebenfalls gern, „weil hier immer schöne Stimmung ist mit dem Orchester, mit der Begleitung, es ist also eine wunderbare Lesung.“ Er trifft in den Pausen so einige Kollegen, wie er bereits festgestellt hat.

Kulturelles Engagement trifft auf Gemeinnützigkeit

Der Bonner Verein bietet neben den beliebten Krimiabenden auch andere kulturelle Events an wie etwa Kabarett, Theater oder Mitsingveranstaltungen. Zusätzlich nehmen die Musiker des LPO NRW regelmäßig in Kooperation mit dem KuK am Bonner Beethovenfest teil.

Der Gospelchor N'Joy aus Bad Honnef zu Gast im Polizeipräsidium
Der Gospelchor N’Joy aus Bad Honnef zu Gast im Polizeipräsidium

Neben der Bereicherung des kulturellen Angebotes in Bonn-Ramersdorf und dem Bürgerdialog arbeitet der Verein gemeinnützig. Spenden gingen unter anderem an den Weißen Ring, Frauen gegen sexualisierte Gewalt e.V. und vor allem die Stiftung Polizeiseelsorge. So kam in den zehn Jahren eine Spendensumme von mehr als 15.000 Euro für Opfer von Straftaten zusammen.

Die erfolgreiche Arbeit des Vereins wurde jedoch nur möglich durch das Engagement der Mitglieder und die Akzeptanz aus den eigenen Reihen. Neben den Polizeimitarbeitern und -mitarbeiterinnen, die regelmäßig mit ihren Familien kommen, ist nicht zuletzt auch die Unterstützung durch die Behördenleitung ein sehr wichtiger Faktor. Unter Polizeipräsident Wolfgang Albers wurde der Verein gegründet und unter der jetzigen Polizeipräsidentin Brohl-Sowa ausgebaut und stets gefördert.

Die nächste Lesereihe ist bereits in Planung: im November startet die Saison 2018/2019 – mit jeder Menge „Mord und Totschlag“ im Polizeipräsidium.

Wolfgang Kaes, Journalist und erster Autor beim Krimiabend im Polizeipräsidium Bonn
Wolfgang Kaes, Journalist und erster Autor beim Krimiabend im Polizeipräsidium Bonn
Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa ernennt Ingrid Noll zur Ehrenkommissarin
Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa ernennt Ingrid Noll zur Ehrenkommissarin
Spendenübergabe: Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa, Jörg Maurer, Klaus Holtz vom Weißen Ring und Jörg Pfefferkorn
Autor Jörg Maurer (Mitte) spendet spontan für Verbrechensopfer